Ein Interview von Grit Moschke mit Rebekka

Einleitung

Das Thema Perfektionismus im Sport ist bekannt und durch den verstärkten Gebrauch von Smartphone und sozialen Medien verstärkt in die Aufmerksamkeit gerückt. Vergleiche mit anderen Sportlern und Körperbildern sowie perfektionistisches Verhalten erreichen dadurch eine erweiterte Dimension. Ich sprach mit Rebekka und interviewte zum oben genannten Thema.

Rebekka ist Studentin im Bachelor Studiengang „Sport und Leistung“ an der Deutschen Sporthochschule Köln, hat acht Jahre voltigiert und ist 21 Jahre alt. Sie ist seit 1,5 Jahren außerdem als Trainerin im Kunstturnen tätig und möchte dort die mentale Gesundheit der Turnerinnen fördern.

  1. Aus welchen Gründen hast du dich mit diesem Thema beschäftigt?

„Ich habe mich mit dem Thema Essstörungen beschäftigt, da ich einige betroffene Personen kenne und mehr über die Krankheit erfahren wollte. In einem Vertiefungskurs der Sportart Turnen an meiner Hochschule wurde außerdem viel darüber geredet, da der zum Teil sehr grobe und streng kontrollierenden Umgang mit Turnerinnen, der sich auch auf das Essverhalten konzentriert.  Durch die Aufdeckung im Missbrauchsskandal um Larry Nassar wurde das Thema durch die Medien weiter vertieft und rückte näher ins Bewusstsein von Sportler und Experten.

 

Durch die Vertiefung dieses Themas bin ich auf den Perfektionismus im Sport gestoßen, da die zentralen Merkmale von Anorexia- und Bulimia Nervosa, insbesondere das Streben nach einem „perfekten“ Gewicht oder Körper, von perfektionistischen Gedanken und Verhaltensweisen kommen (Goldner et al. 2002). Bei der weiteren Recherche konnte ich außerdem herausfinden, dass Perfektionismus mit weiteren psychischen Erkrankungen oder Verhaltensstörungen im Zusammenhang steht. Dazu gehören Depressionen, Prokrastination (Saddler & Sacks, 1993; Hewitt & Flett, 1993), Angstzustände (Mitzman et al. 1994) und, wie eben schon angesprochen, essgestörtes Verhalten (Nattiv et al. 1994).“

  1. Welche Erfahrungen und Beobachtungen hast Du selbst in deiner Zeit als Sportlerin gesammelt?

„Zu Beginn der Pubertät fängt bei vielen eine Unzufriedenheit mit dem Körper an. Es kommen Bemerkungen, wie „auf diesem Foto sehe ich dick aus“ oder „mein Trikot soll an den Beinen nicht weiß sein, weil die dann dick aussehen“. Solche Kommentare und noch viele weitere waren bei meinem Team im Training alltäglich. Aber nicht nur bezüglich der Figur habe ich in meinem Sport Perfektionismus erlebt. Auch wenn bestimmte Übungen nicht so funktionierten, wie die Athletinnen sich das vorgestellt haben, wurde das oft mit schlechter Laune oder Trauer ausgeglichen. Bei Wettkämpfen kann man auch immer wieder beobachten, dass Athleten sich bestimmte Wertnoten oder Platzierungen als Ziel setzen, diese dann auch erreichen oder sogar übertreffen und trotzdem noch unzufrieden mit ihrer Leistung sind, wenn diese nicht perfekt war. So eine Situation passt gut zu der Definition des Perfektionismus von Englisch & Englisch, 1985: „the practice of demanding of oneself or others a higher quality of performance than is required by the situation”– Deutsch: das Verhalten, von sich selbst oder anderen eine höhere Leistungsqualität zu erwarten, als es die Situation verlangt.“

  1. Wie empfindest du das heute als Übungsleiterin?

„Als Übungsleiterin im Kunstturnen, wünsche ich mir, dass die Kinder einen gewissen Ehrgeiz und Perfektionismus mitbringen. In einer ästhetischen Sportart geht es nun einmal um den perfekten Auftritt und den erreicht man nur, wenn man perfektionistisch ist. In einem Artikel in der Zeitschrift Sport Heilbronn hat auch der Sportpsychologe Prof. Dr. Dirk Schwarzer ein gewisses Maß an Perfektionismus als hilfreich für die sogenannten technisch-kompositorischen Sportarten, zu denen das Turnen gehört, beschrieben. Als Trainerin muss ich Perfektionismus zeigen und von den Kindern verlangen. Bis zu einem gewissen Grad ist dies auch nicht schädlich, also es gibt auch einen „gesunden“ Perfektionismus (Bieling et al. 2004).  Dieses Verhalten sollte allerdings nicht in ein Extremum übergehen. Ich habe den Kindern gegenüber die  Verantwortung, dass ich ihre mentale Gesundheit durch die Ausübung des Sports nicht gefährden möchte, sondern zu ihrer Stärkung beitrage.“

  1. Welcher Unterschied besteht zwischen den kleinen Turnerinnen und den jugendlichen Turnerinnen?

„Die kleinen Turnerinnen, die noch nicht in der Pubertät sind, zeigen häufig bereits perfektionistische Verhaltensweisen und übertriebenen Ehrgeiz. Das kommt womöglich daher, dass Perfektionismus häufig genetisch bedingt ist (Iranzo-Tatay et al. 2015). Sie erwarten oft sehr viel von sich und möchten, dass ein Element sofort funktioniert, und versuchen es immer wieder. Häufige Wiederholungen von Elementen sind, gerade im jungen Alter, zwar ein wichtiger Bestandteil beim Erlernen von Elementen. Tritt aber eine übertriebene Frustration ein, finde ich es wichtig, das Üben zu unterbrechen und mit der Turnerin über die Gründe zu sprechen, warum es nicht funktioniert hat. Im jungen Alter gibt es viele Kinder, die keine perfektionistischen Verhaltensweisen zeigen. Ihnen versuche ich dann eher perfektionistischere Verhaltensweisen zu vermitteln. Der Perfektionismus, der dabei entstehen soll, sollte auf einer positiven, leistungsfördernden Ebene sein und nicht in krankhafte Verhaltensweisen übergehen.

Bei den Jugendlichen nimmt der mentale Aspekt im Training die Überhand. Der Fokus auf die  körperliche Ebene wird zurückgedrängt. Gerade bei den Jugendlichen, bei denen die Eltern Druck auf die Kinder ausüben, indem sie perfekt sein müssen, sind  leichte depressive Verstimmungen hin und wieder latent erkennbar. (Stoeber & Rambo, 2007) Es fällt mir zum Teil schwer, sie zu korrigieren, da sie das häufig persönlich nehmen und leicht frustriert und traurig sind.“

  1. Welche Unterschiede gibt es zwischen Jungen und Mädchen und wie sollte man als Elternteil, Lehrkraft oder Trainerin damit umgehen?

„Die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen beim Perfektionismus sind nicht so groß, allerdings tendieren Mädchen eher dazu depressive Verstimmungen im Zusammenhang mit Perfektionismus zu zeigen als Jungen (Rice et al. 2007). Iranzo-Tatay und ihre Kollegen fanden in einer Zwillingsstudie heraus, dass Perfektionismus etwas häufiger bei Mädchen als bei Jungen vorkommt. Ich habe selbst noch nie Jungen trainiert, deswegen habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit Jungen und Perfektionismus. Aus den oben genannten Studienergebnissen würde ich aber schließen, dass man bei Mädchen noch sensibler für das Thema sein muss. Essstörungen, die aufgrund von Perfektionismus entstehen, sollten bei Mädchen sehr genau beobachtet werden.

Allerdings zeigen auch viele Jungen ungesunde und perfektionistische Verhaltensweisen.  Weil diese bei Jungen seltener sind als bei Mädchen, ist es wichtig, besonders sensibilisiert zu sein.  Jungen schenkt man diesbezüglich weniger Aufmerksamkeit als Mädchen und sie sind tendenziell weniger dazu bereit sein, über ihre Probleme zu reden.  Es ist ihnen unangenehm, weil sie nicht viele bis gar keine anderen Jungen mit derselben Problematik kennen.“

Vielen Dank Rebekka für den ersten Teil des Interviews.

Eure fitmitgrit.  

Blog 92 Perfektionismus in ästhetischen Sportarten und Ausdauersportarten – Teil 1

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